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Buchanmeldung:

Das geistliche Lied im Ostseeraum" (Greifswalder Beiträge zur Musikwissenschaft 13)

von Ekkehard Ochs, Walter Werbeck, Lutz Winkler

Peter-Lang-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin/Bruxelles/New York/Oxford/Wien 2004
ISBN 3-631-39816-6

Es waren nicht nur Menschen, die in der frühen Neuzeit im Ostseegebiet wanderten. Mit den Menschen folgten Waren, Ideen und auch die Musik. Das Sammelwerk ”Das geistliche Lied im Ostseeraum” hat zur Aufgabe, geistliche Lieder und Psalmen runt um die Ostsee von der Reformation bis zum 19. Jaahrhundert zu untersuchen. Wie jedes Sammelwerk ist auch dieses Buch ein Sammelsurium, was sowohl Vorteile wie auch Nachteile hat. Verständlicherweise kann man auf weniger als 300 Seiten keine vollständige Beschreibung des geistlichen Gesanges während eines Zeitraumes von 400 Jahren voraussetzen. Man hätte jedoch erwarten können, daß die Redakteure außer Schweden, Preußen, Pommern, Rußland, Lettland, Polen und Danzig auch Finnland und Estland mitberücksichtigt hätten. Der Zusammenhang zwischen der Einführung der finnisch-ugrischen Schriftsprache und dem geistlichen Gesang wäre wert gewesen, zu beachten, besonders deshalb, weil viele humanistische Sparten in letzter Zeit auf wichtige Akteure in Estland und Finland (Fußnote 1) aufmerksam gemacht haben. Auch das Gesangbuch der deutschen Kirche in Stockholm hätte man hierbei untersuchen sollen (Fußnote 2).

Trotzdem vermittelt dieses Werk spannende Einsichten in das Leben der Menschen und in die Bedeutung der Musik und der Transformation im Ostseegebiet. Wie bereits erwähnt trägt dieses Buch mit Artikeln aus vielen Einfalswinkeln bei. Der größte Verdienst des Buch ist wahrscheinlich, daß es uns daran erinnert, daß auch Polen und Danzig wichtige politische und kulturelle Faktoren an der Ostsee waren, was man oft in der historischen Forschung in Schweden vergißt. Eine Reihe von Aufsätzen beleuchten die Musikgeschichte Polens und Danzigs vom 16. Jahrhundert bis Mitte des 18. Jahrhunderts (Fußnote 3).

Schweden erscheint in mehreren Artikeln. Folke Bohlin erinnert an die reformatorische Sängerbewegung, die ihren Anfang in Rostock hatte und welche für die Reformation im Norden von großer Bedeutung war (Fußnote 4). Margareta Jersild untersucht traditionelle Volkslieder in Schweden und Estlands schwedischsprachigen Gebieten (Fußnote 5). Sie zeigt auf, daß ein Teil der Volkslieder bzw. Volksmelodien gar keine Anknüpfung an schriftlich überlieferte Quellen hat. Anders Dillmar untersucht Johann Christian Frederik Hæffners Choralbücher (Fußnote 6). Hæffners Choralbuch von 1820/1821 wurde in Schweden mehr als 150 Jahre benutzt. Es waren vor allem Hæffners frühere deutsche Vorarbeiten, die für dieses Choralbuch von Bedeutung waren. Damit befestigt Dillmar seine These, daß die schwedische Choralgeschichte nicht nur schwedisch ist (Fußnote 7).

Zeitgenosse mit Hæffner war auch der Orgelvirtuose Abbé Vogler, welcher einige Jahre in Schweden wirkte und der im Zentrum von Markus Ratheys Aufsatz steht (Fußnote 8). Rathey zeigt auf, daß Vogler einerseits in seinen Orgelvariationen sehr extrovertiert war, andererseits in seinen Choralbegleitungen eher zurückgezogen.

Das Buch gibt uns spannende und neue Einblicke in die Musikgeschichte des Ostseeraumes und zeigt mit Hilfe von einigen ausgwählten Beispielen, wie wichtig die Menschen und die Vorbilder, die in der frühen Neuzeit aus den deutschsprachigen Gebieten kamen, für Schwedens Musikgeschichte in der frühen Neuzeit waren. Namen wie Hæffner und Vogler sind nur Beispiele in der langen musikhistorischen Geschichte, die Schweden und Deutschland miteinander teilen. Wir könnte viele andere hinzufügen wie Telemann, Düben und Roman. Zweck des Sammelwerkes war jedoch nicht, Schwedens Musikgeschichte zu zeichnen, sondern einige Abrisse über den geistlichen Gesang im gesamten Ostseeraum.

Copyright © Otfried Czaika 2007

Fußnoten:
  1. U.a. kann man hier folgende Publikationen nennen: Heidi Heinmaa, Protestantlik kantoriinstitutsioon Tallinnas 16.-17. sajandi, Tallinn 1999. Marju Lepajõe, Reiner Brockmann und die Anfänge der estnischen Kunstpoesie, i: Klaus Garber/Martin Klöker (red.), Kulturgeschichte der baltischen Länder in der Frühen Neuzeit – Mit einem Ausblick in die Moderne, Tübingen 2003, s. 319-336. Otfried Czaika, Reiner Brockmann, i: Sabine Pettke (red.), Biographisches Lexikon für Mecklenburg, bd. 4, Rostock 2004, s. 24-27. Zurück
  2. U.a. kann man hier folgende Publikationen nennen: Suvi-Päivi Koski, Geist=reiches Gesang=Buch vuodelta 1704 pietistisena virsikirjana. Tutkimus kirjan toimittajasta, taustasta, teologiasta, virsistä ja virsirunoilijoista, Helsingfors 1996. Suvi-Päivi Koski, Das ”[...] Sonderlich in Stockholm Gebräuchliche Teutsche Gesang=Buch” (Stockholm 1724 mit seinen Vorläufern. Zur Rezeption des Liedstoffes der Freylighausenschen Gesangbücher in Schweden im frühen 18. Jahrhundert, i: Kaisamari Hintikka, Hanna-Maija Ketola, Päivi Salmesvuori (red.): Vanha ja nuori. Juhlakirja Simo Heinisen täyttäessä 60 vuotta, Helsingfors 2003, s. 200-252. Zurück
  3. Danuta Szlagowska, Polish Christmas Carols from the Manuskript Collection of the Polish Academy of Sciences Library in Gdansk, s. 125-136. Violetta Kostka, Polnische evangelische Gesangbücher in Danzig (1586-1803), s. 137-254. Danuta Popingis, Das Carillon-Repertoire der Kirche St. Katharinen in Danzig für das Jahr 1784, s. 155-170. Jolanta Woniak, „Melodien zum Gesangbuch für den evangelischen Gottesdienst. Für Kirche, Schule und Haus“. Evangelische Lieder aus Danzig (1841), s. 171-176. Jerzy Marian Michalak, Das geistliche Lied im Œuvre einiger Danziger Komponisten des 19. Jahrhunderts. Versuch einer Dokumentation, s. 177-196. Zurück
  4. Folke Bohlin, Die reformatorische Singbewegung im Ostseeraum, s. 49-52. Zurück
  5. Margareta Jersild, Traditional Hymn Singing in Sweden and Swedish-Speaking Areas of Estonia, s. 65-72. Zurück
  6. Anders Dillmar, Johann Christian Frederik Hæffner und seine Choralbücher, s. 73–85. Zurück
  7. Dillmar, s. 85. Zurück
  8. Markus Rathey, Abbé Voglers „Organist-Schola“ und seine Konzeption der Choralbegleitung jenseits extrovertierter Virtuosität, s. 87-107. Zurück