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Buchanmeldung:

Treibholz - Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945- 1949

von Arne Gammelgaard

Blåvandshus Egnsmuseum 1993
ISBN 87-89834-07-0

Treibholz schwemmt an den Küsten an Land. Treibholz. So landeten während der ersten fünf Monate 1945 250.000 Flüchtlinge von Ostpreußen, Danzig und Hinterpommern in den dänischen Häfen. Auf der Flucht vor der sowjetrussischen Armee, der von Stalin die Rache versprochen worden war, keinen Deutschen unbehelligt zu lassen. Eine Flucht über die Ostsee, der ständigen Gefahr von russischen Fliegern und U-Booten ausgesetzt, die 10.000-den Menschen das Leben kostete. Diese Viertelmillion an ausgezehrten Frauen, Kindern und älteren Männern mußte in Dänemark einige Jahre in Verwahr und Ungewißheit leben. Eine Ungewißheit, die sie mit den dänischen Gastgebern, die dem Befehl der alliierten Besatzungsmächte zu folgen hatten, teilten. Eine Ungewißheit, die die deutschen Gäste, die versuchten, Informationen über ihre verschwundenen Verwandten herauszufinden, quälte, die aber gleich denen, die im besetzten Deutschland lebten, keine Briefe vor Mitte 1946 versenden durften.

Über dieses Geschehen – im Großen und Ganzen für die Schweden unbekannt – schreibt der Däne Arne Gammelgaard mit großem Verständis für alle Beteiligten. Zuerst die Wehrmacht, dann die Flüchtlinge, die dänische Regierung und die dänische Bevölkerung. Keiner hatte sich gewünscht, keiner hatte vorausgesehen, was danach geschah.

Ahnenforscher rund um die Ostsee haben allen Grund Arne Gammelgaard für seine Bücher zu danken, wovon das erste, "Mennisker i malstrøm" von 1981, 1985 unter dem Titel "Ungeladene Gäste" erschien. Die Bücher sind eine Dokumentation einer Epoche mit vielen Beteiligten, von denen etliche nach Schweden kamen. Wie viele andere mit deutschen Vorfahren, so haben auch diese Flüchtlinge über ihre Erlebnisse geschwiegen, und deren Kinder wagten es nicht zu fragen, aber deren Enkel wollen es wissen. Leider ist der Archivbestand nicht der beste, weshalb man sich auf die Schilderungen der Beteiligten stützen muß.

In Treibholz gibt es ein Verzeichnis
mit Angaben über die Anzahl von Gästen in jeder Verlegung über sämtliche Lager, die in aller Eile im Frühjahr 1945 errichtet wurden. Das größte Lager war Oksbøl nördlich von Esbjerg, das schnell zu Dänemarks drittgrößter Stadt mit 35.000 Einwohnern heranwuchs. Eine aus oft unisolierten Baracken und nur vorübergehenden Bauten bestehende Stadt, ungeschützt vor dem feuchten Westwind der Nordsee gelegen. Jedes Lager wurde nach demokratischen Modellen organisiert und in Oksbøl wurden Schulen, Theater und Sportanlagen erstellt. Walter Warndorf, Theaterchef von Danzig, und seine Frau Eva Just kamen schon im Februar 1945 nach Oksbøl und schufen dort eine rege Theaterbühne. Die anfängliche Hoffnungslosigkeit wurde durch eine kollektive Energie, um eine geldlose Gesellschaft zu schaffen, ersetzt, die die Bedürfnisse der Kinder und Familien zufriedenstellte und Hoffnung auf Zukunft gab. Alle wußten nun, daß die Heimat für immer verloren war.

Drei Generationen auf der Flucht
Helene Brock schrieb während allen Kriegsjahren in Heilsberg im katholischen Ermland Tagebuch, wo sie als 77-jährige Witwe lebte. Sie setzte mit ihren täglichen Notizen fort und dank diesem Tagebuch wissen wir heute, wie sich das Leben für Helenes protestantische Verwandtschaft während den Jahren 1944 - 1955 gestaltete. Helene Brock war Musikpädagogin. Ihr Sohn, Lehrer Fritz Brock, war mit Erika verheiratet. Erika wohnte mit ihren sechs Kindern und dem meist abwesenden Mann in Weichselmünde. Großmutter Helene floh am 21. Januar von Heilsberg nach Weichselmünde, nachdem sie eingesehen hatte, dass es dafür höchste Zeit war.

Bald wußten auch alle, daß die Wilhelm Gustloff von einem russischen U-Boot mit 9.000 Umgekommenen gesenkt worden war. Noch immer hoffte man, daß Danzig verschont bleiben würde. Am 6. März wartete jedoch ein Schiff. Die achtköpfige Familie bekam auf dem Schiff Hektor Platz, das am 9. März in Kopenhagen einlief. In dem mitteljylländischen Militärlager Grove-Gedhus mußte dann Familie Brock sich zusammendrängen, ohne zu ahnen dort drei Jahre bleiben zu müssen.

Während ihrer Lagerjahre traf die Familie Brock keine Dänen, abgesehen von den wenigen, die zum Lager Anliegen hatten. Das konnte man, als die Abreise gen Süden zum Schluss endlich stattfand, bestätigen. Nun kamen sie in ein neues Lager, diesmal Lager Bohldam in Uelzen/Niedersachsen, und nach kurzer Zeit ein weiterer Umzug nach Nienburg/Weser, südsüdöstlich von Bremen und Verden.

1955 konnte endlich die große Familie das Lagerleben verlassen und in eine Mietwohnung in Nienburg einziehen. Gleichzeitig kam der Bescheid, daß der Familienvater und Lehrer Fritz Brock in einem Gefangenenlager in der Tschechoslowakei verstorben war. 1957 starb die Schwiegermutter Helene im Alter von 89 Jahren und Erika erbte ihr Tagebuch. Als Erika in das gleiche Alter kam schrieb sie das Tagebuch der Schwiegermutter ins Reine und fügte eigene Zusammenfassungen und Kommentare hinzu. Dies ergab 240 ausgeschriebene Seiten. Erikas Sohn Herbert, Staatsanwalt in Lüneburg, bewahrt das Andenken seiner Mutter und Großmutter und trägt nun für das Tagebuch die Verantwortung.

Dankbare Lagergefangene
Die deutschen Lagergefangenen waren von den Dänen ungewünscht. Aber man akzeptierte die Lage, daß vier Millionen Dänen sich um eine Viertelmillion Deutsche kümmern müssen. Und viele Dänen setzten sich groß und gutherzig für ihre ungewünschten Gäste ein. Auch wenn es Grund für Kritik gab, so haben die deutschen Gäste im Nachhinein ihre große Dankbarkeit dafür, daß sie einige Jahre in Dänemark verbringen durften und sie somit nicht unmittelbar in den Hunger des zerbombten Deutschlands geschickt wurden, ausgedrückt.

Leider gibt es im Buch Treibholz kein Personenregister. Wir hoffen, daß dies jemand im Nachhinein erstellen kann. Anstelle dessen gibt es ein gutes Literaturverzeichnis.

Als Ahnenforscher können wir nun für die Treibholzflüchtlinge von 1945 und deren heute in Schweden wohnenden Nachkommen mitwirken, diese für die kommenden Nachfahren suchbar zu machen. Dieses Gelingen setzt deutsche und dänische Forschungshilfe voraus.

Copyright © Gustaf von Gertten 2007