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Buchanmeldung:

"De räddade staden - Ystadiana 2007"

von Roland Jakobsson, Hans Fredriksson und Sten Hagberg , (Red.)

Ystads Fornminnesförening, 2007
ISBN 978-91-975370-3-2

Im Jahr 1883 schrieb August Strindberg eines seiner in Schweden bekanntesten Gedichte "Das Esplanadensystem". Ob dieses Gedicht, welches ein Lobgesang auf die Erneuerung des Stadtkernes von Stockholm und damit auf das hysterische Abreißen älterer Häuser ist, je ins Deutsch übersetzt worden ist, ist mir unbekannt. In Ystad war das Gedicht sicher nicht unbekannt.

24 Jahre später widersetzten sich einige voraussehende Bürger in Ystad mit Robert de la Gardie an der Spitze dieser Abrißraserei und bildeten Ystads Fornminnesförening, der somit letztes Jahr 100-jähriges Jubileum hatte. Um das Gedächtnis der Gründer und aller derer, die seitdem ihre Kraft und Zeit der Erhaltung des Erbes unserer Vorfahren gewidmet haben, zu bewahren, hat Ystads Fornminnesförening 2007 ein für viele Familienforscher sehr lesenswertes Buch auf Schwedisch herausgegeben: "De räddade staden".

Das Buch enthält für Genealogen und Historiker wertvolle Betrachtungen, Essays und Fachartikel. Über die Begriffe alt und altertümlich, über die Geschichte des Vereins und dessen Vorsitzende während aller Jahre, über verschiedene Projekte der Erhaltung, über die musealen Sammlungen, über die heutigen Aktiviteten, um unsere Nachfahren, an ihrer kulturellen Erbschaft zu interessieren, über "jemanden, mit dem man reden kann" und über die Burgruine in Grevlunda. Das Buch endet mit einer Sammlung von "erzählenden" Fotos aus Ystad, die Jan Olof Persson während der vergangenen 50 Jahre gemacht hat und an welchen sicher alle Leser ihre Freude haben können.

Für jeden Genalogen, nicht nur schonischer Herkunft, besonders jedoch für alle, die "über die Ostsee" forschen, denn die Familien Berlin, Raders, Rogge und Wendt kamen über die Ostsee - Wold jedoch über den Sund, sind folgende Artikel besonders wertvoll:

  • Über die Familien Wendt und Wold
  • Über den Roggehof in Ystad
  • Über die Postyachten zwischen Ystad und Deutschland während 300 Jahren

Der Artikel über die Familien Wendt und Wold, der von Bengt Svedrell geschrieben ist, hat seinen Ausgangspunkt in einem bezaubernden Foto von 1891, auf welchem die ganze "pucklige" Verwandtschaft bei der Silberhochzeit von Mathilda und Richard Wendt posiert. Das Foto ist im Wendtschen Hof in Ystad gemacht und somit gehören die Personen darauf zum Geschlecht der Ystad-Wendts, deren Stammvater Theodorus Wendt war, der von Deutschland nach Malmö einwanderte. Sein Enkel Johan Jacob zog dann nach Ystad und es ist J. J. Wendt der den Grundstein zum Wendtschen Hof in Ystad legte. Dessen Tochter Johanna heiratet Ludwig Wold, den Svedrell "den vergessenen Architekten" nennt. Der Artikel umfaßt sowohl einen Auszug aus einem Tagebuch, welches der Sohn von J. J. W. geschrieben hat, kurze Biographien über verschiedene Familienmitglieder und eine gut illustrierte Beschreibung der Bahnhöfe zwischen Ystad und Eslöv sowie anderer Gebäude, die Ludwig Wold entworfen hat. Eine wichtige Quelle für den Verfasser des Artikels scheint das Buch "Skånska släkten Wendt 1719-1914" gewesen zu sein, welches 1914 in 150 Exemplaren gedruckt wurde, und in welchem die Nachfahren des Theodorus Wendt durch die Wahl des Titels anzudeuten scheinen, daß es nur ein Geschlecht Wendt in Schonen gegeben hat. Wie die meisten schonischen Mädchen und Jungs jedoch wissen, gibt es ein weiteres, genauso namhaftes Geschlecht Wendt in Schonen, nämlich jenes, welches von Carl Wendt herstammt, der zirka 100 Jahre nach Theodorus Wendt einwanderte, jedoch aus Pommern. Und nicht nur das. Im Zentralen Soldatenregister gibt es 35 Reservisten mit dem Soldatennamen Wendt, davon etliche aus Schonen.

Der Artikel über den Roggehof von Dan Johansson ist eine baugeschichtliche Beschreibung von etwas, was viele moderne Menschen als ein Idyll betrachten. Was der Roggehof ohne Frage auch ist. Häuser werden jedoch gebaut und gekauft, um darin zu leben. Und somit enthält Johanssons Essay auch interessante genealogische Angaben und sozialhistorische Daten. Es ist die Geschichte des Werdeganges eines Händlerhofes über drei Jahrhunderte und über die Menschen, die dort gelebt und gewirkt haben. Der Artikel ist reich illustriert mit sowohl Stadtplänen wie auch Farbfotos vom heutigen Roggehof.

200 Jahre lang war Ystad das Tor Schwedens zum Kontinent mit regelmässigem Post- und Passagierverkehr. Im Herbst beschloß der Verein "G-gruppen - Genealogie über die Ostsee" diesen Verkehr zu erforschen. Der Projektleiter Gunnar Ståhl hat seitdem in enger Zusammenarbeit mit dem Reichsarchiv, dem Kriegsarchiv, dem Landesarchiv zu Lund und vor allem mit dem Festungsarchiv in Ystad sowie einer Anzahl freiwilliger Mithelfer eine Unmenge von Dokumenten gelesen, fotografiert, gedeutet und registriert: 20.000 Seiten. Aus diesem Material hat man dann als ersten Anfang die Dokumente aus der Zeit 1830 bis 1860 auf einer CD digitalisiert, auf welcher man mit Hilfe verschiedener Kriterien in 21.000 Posten suchen kann, um danach die Bilder von 1.200 Originaldokumenten studieren zu können. Die Basis für und die Arbeit mit dem Projekt sowie die Zukunft hierfür wird lebendig von Gunnar Ståhl beschrieben. Sein reichlich illustrierter Artikel ist lesenswert für jeden "Ostseeforscher" und ist nahezu ein "Muß" für den glücklichen Besitzer der CD "Über die Ostsee".

Copyright © Jürgen Weigle 2008